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Selbstständig sein und bleiben, sich gebraucht fühlen und seine Fähigkeiten unter Beweis stellen – all das bietet das Hinzuverdienstprojekt „WinD – Wege in Dir“ für Menschen mit psychischer Erkrankung, seelischer Behinderung und für suchtkranke Menschen im Landkreis Hildburghausen zur Teilhabe am Arbeitsleben. „Angekommen im Leben“, das ist das Fazit eines Projektteilnehmers.

Hildburghausen – Schüchtern sitzt Marina Eckhardt im Schwesternzimmer des Caritas Altenpflegezentrums in Hildburghausen. Nur zögernd gibt sie Auskunft zu ihrer Lebens- und Leidensgeschichte. Die 53-Jährige ist suchtkrank und leidet an COPD; Rollator und Sauerstoffgerät waren ihre ständigen Begleiter. Doch wenn sie von ihren Aufgaben, ihrer Arbeit mit den pflegebedürftigen Menschen berichtet, strahlen ihre Augen, dann blüht sie auf. An fünf Tagen in der Woche kommt sie für jeweils drei Stunden am Nachmittag zu den Senioren, hilft beim Kaffeetrinken und Essenreichen, bevor sie sich mit ihnen zur gemeinsamen Beschäftigung niederlässt. Regelmäßig denkt sie sich neue Angebote aus, mit denen sie die Bewohner aus der Reserve locken kann,– und sich selbst auch ein bisschen. „Ich bin hier quasi ins kalte Wasser geworfen worden“, sagt Eckhardt und lächelt.

Möglich wurde diese neue Teilhabe am Arbeitsleben durch das sogenannte Hinzuverdienstprojekt „WinD – Wege in Dir“ im Südthüringer Bildungszentrum (SBZ) Holz in Kloster Veßra. Damit soll Betroffenen, die vorübergehend oder dauerhaft voll erwerbsgemindert sind, die Möglichkeit gegeben werden, gesellschaftlich anerkannt und sozial stabilisiert zu werden. Darüber hinaus stehen Strukturierung des Alltags, Vermeidung von Isolation und Rückzug, Erhöhung des Selbstwertgefühls, Eigenverantwortung, Ausdauer sowie eine langfristige Stabilisierung der psychischen Situation im Fokus.

Bei Marina Eckhardt, die schon seit März dieses Jahres im Einsatz ist, hat sich durch das Hinzuverdienstprojekt so ziemlich alles verändert: Sie braucht ihren Rollator nicht mehr, das Sauerstoffgerät nur noch gelegentlich, und sie fährt wieder Auto – und zwar ihr eigenes: „Ich bin wieder mobil“, sagt sie stolz, und ihre Augen leuchten. „Das war bisher das Schönste. Aber auch mein Selbstwertgefühl ist wieder da und steigt mit den täglichen Herausforderungen.“ Denn um sich für die Senioren Neues einfallen zu lassen, braucht es jede Menge Kreativität, die die gelernte Krankenschwester auch zu Hause nicht los lässt. So bastelt sie Karten und Würfel für ein „Stadt, Land, Fluss“-Spiel, hat sich das „Dings-Spiel“ ausgedacht, um anhand von Beschreibungen und Bildern die kognitiven Fähigkeiten der Bewohner zu fördern. Diesen Einsatz weiß auch Cordula Glaßer zu schätzen. Die Einrichtungsleiterin des Caritas Altenpflegezentrums vertritt grundsätzlich den Standpunkt, dass jeder eine zweite Chance verdient hat. Vielen Betroffenen blieben aufgrund ihrer Lebensläufe solche Möglichkeiten verwehrt. „Klar hat es ein bisschen Anlaufzeit gebraucht. Aber Frau Eckhardt ist inzwischen zu einer ganz, ganz großen Bereicherung für unser Haus geworden. Sie ist sehr kreativ, und man spürt, wo sie beruflich herkommt. Dennoch kennt sie ihre körperlichen Grenzen und ist sich ihrer Einschränkungen bewusst. Aber die zweite Chance hat sich gelohnt, denn sie ist für uns und für sich selbst eine große Bereicherung“, sagt Glaßer.

 

hinzuverdienstprojektAuch Annett Schilling vom Autohaus Ehrhardt in Hildburghausen ist über das Hinzuverdienstprojekt zu einem neuen Mitarbeiter gekommen. Mike Täubner bereichert das Team seit Juni mit seinen Fähigkeiten und seinem Wissen. Der 45-Jährige, der aufgrund einer psychischen Erkrankung seit 19 Jahren erwerbsunfähig ist, übernimmt zahlreiche Tätigkeiten im Autohaus, arbeitet im Hol- und Bringservice und verrichtet Hausmeistertätigkeiten, bei denen sein handwerkliches Geschick gefragt ist. „Ich war eine Zeitlang auch in der Wefa Hildburghausen tätig“, erzählt er. Aber das Pensum an Arbeitszeit ließ sich aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr mit seinem Privatleben vereinbaren, weshalb er auch den Fahrdienst bei den Maltesern aufgeben musste. „Aber hier geht es um das, was ich kann“, sagt er stolz. „Ich fühle mich hier aufgehoben und bin froh, dass ich gebraucht werde.“ Schon immer habe er sich bemüht, nicht nur daheim „rumzusitzen“, sondern etwas zu arbeiten. „Ich will dazugehören, unter Menschen und nicht ausgeschlossen sein. Und ich freue mich sehr über die tägliche Rückmeldung der Kollegen: Wir sind froh, dass du da bist.“

Das kann Annett Schilling glatt unterschreiben. Der Personalleiterin sind psychische Erkrankungen wie Depression nicht fremd. Auch beim Stammpersonal achte man darauf und sei bemüht, den passenden Arbeitsplatz zu finden. Zu dem Projekt sei sie über Flyer gekommen und habe mit der zuständigen Mitarbeiterin Heike Hofmann eine kompetente Ansprechpartnerin gefunden. „Alle Menschen brauchen eine Aufgabe“, sagt sie. Nach einem ersten Kennenlernen und gelungenen Vorstellungsgespräch seien sich alle Parteien schnell einig geworden. „Seitdem bereichert Herr Täubner unser Haus und unser Team. Selbstverständlich bedarf es einer intensiven Betreuung, die ihm in Form fester Ansprechpartner und der großartigen Unterstützung durch die Kollegen gegeben ist. Und unsere Hilfe für die betroffenen Personen wird mit Dankbarkeit, Zuverlässigkeit und Loyalität belohnt“, ergänzt sie. Und ein Blick auf Mike Täubner bestätigt das: Er fühlt sich angenommen – und angekommen im Leben.


Info:
Sind Sie neugierig auf das Hinzuverdienstprojekt „WinD“ geworden?
Ausführliche Informationen zu diesem und weiteren Angeboten des SBZ Holz finden Sie hier auf unserer Website oder telefonisch unter 036873/288021.